TERROR

Eine LUFTHANSA-Maschine auf dem Flug von Berlin nach München wird gekidnappt. Ein Mitglied einer El Qiada – Selbstmordgruppe fordert den Piloten auf, einen in die Kabine hineingereichten Zettel mit der Information dem nächsten Mitarbeiter der Flugüberwachung vorzulesen.

Die Welt wird damit informiert, dass die Maschine mit den 164 Passagieren in München in die ALLIANZ-Arena stürzen soll. Die 70.000 Zuschauer des Fußballspiels Deutschland-England sollen bei dem Absturz getötet werden.

Ein Euro-Fighter der Bundeswehr, zuständig für die Luftsicherheit über Deutschland wird informiert und nach Rücksprache von der Bundesverteidigungsministerin aufgefordert, sich der Lufthansamaschine zu nähern, sie aber nicht abzuschießen.

Der Pilot entschließt sich nach sorgfältiger Überlegung, die Maschine abzuschießen. Er hält es für geboten, die 167 Menschen zu opfern, um die Tötung von 70.000 Fußball-Zuschauern zu verhindern.

T E R R O R

heißt das Theaterstück von Ferdinand von Schirach, das wir uns im voll besetzten Theater in Bielefeld am 12.Februar 2016 bei seiner zweiten Aufführung ansehe

Auf der völlig weißen Bühne sitzen Richter, Staatsanwältin, der Angeklagte und sein Verteidiger, ein Oberstleutnant der Bundesluftwaffe als Dienstvorgesetzter des Piloten und auch Zeuge und dann auch noch eine Nebenklägerin, Ehefrau eines getöteten Passagiers.

Der Sachverhalt ist unbestritten, die Beweisaufnahme läuft, in ein zu fällendes Urteil sind die 650 Besucher als Schöffen einbezogen. „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“ muss am Ende der Richter als Urteil verkünden.

Heftig, überzeugend vertritt die Staatsanwältin ihr „schuldig“, weil sie der Ansicht ist, dass eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes klar verbietet, dass kein Leben eines Menschen, hier die 167 Passagiere, nicht gegen das Leben vieler Menschen, hier der 70.000 Zuschauer, abgewogen werden darf. Das Leben eines jeden einzelnen Menschen sei zu schützen, auch in Extremsituationen.

Der Pilot sieht sich in seiner Darstellung als derjenige, der wohl aufgefordert ist abzuwägen, ob er das Leben weniger, gegen das der Vielen einsetzen kann oder wie in diesem Falle, einsetzen muss.

Die Staatsanwältin sieht unser Grundgesetz mit der Feststellung „ Die Würde des Menschen ist unantastbar“ als die Richtschnur das Verhaltens und billigt dem Beklagten nicht zu, das Leben der Passagiere für die Rettung anderer Menschen einzusetzen, egal wie viele es auch immer sind. „Schuldig“ plädiert sie.

Der Verteidiger hingegen will diesen Grundsatz nur als Prinzip gelten lassen und räumt dem Piloten das Recht ein, seine eigenen moralischen Werte als Maßstab für sein Verhalten zu machen. Er habe sein Verhalten als „vernünftig“ empfunden.

Die Frage der Staatsanwältin, ob Koch auch so gehandelt hätte, wenn seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn als Passagiere im Flieger gesessen hätte, beantwortet er nicht. Auch die Frage danach, warum er nicht die Fußballbesucher vor dem denkbaren Flugzeugabsturz aus dem Stadion getrieben habe, blieb unbeantwortet. Zeit sei ausreichend vorhanden gewesen.

Die Nebenklägerin, Krankenschwester als Zeugin, las die Zeilen einer SMS aus dem Flieger vor, in dem ihr Mann kurz vor seinem Tode noch die Information über das Kidnapping gegeben habe. Auf die SMS-Rückfrage seiner Frau konnte er wegen des erfolgten Abschusses schon nicht mehr antworten. Tragisch.

Der Oberstleutnant verstieg sich in seiner Darstellung der Umstände zu der These, dass ein Flugzeugpassagier sich in diesen „bösen Zeiten“ dem Risiko aussetze, in einem gekidnappten Flugzeug lebensgefährlich unterwegs zu sein. Man habe sich immerhin freiwillig dieser Gefahr ausgesetzt, was den Piloten in seiner Entscheidung entlaste.

Das Publikum (die Schöffen) bekommt 20 Minuten Zeit, in den Wandelgängen wird viel diskutiert und dann werden die Zugänge zum zuvor vollständig geräumten Saal so geöffnet, dass wie beim parlamentarischen „Hammelsprung“ die mit „Schuldig“ und „Nicht schuldig“ gekennzeichneten Türen ein Zählen möglich machte.

„Enthaltung“ war nicht möglich, denn ein Urteil war zu fällen. Über ein Strafmaß im Falle einer Verurteilung, wurde nicht gesprochen.

Die „Schöffen“ entschieden: „Unschuldig“ = 385 Stimmen, „Schuldig“ = 185 Stimmen.

Der Richter fasste dieses Ergebnis in Worte und entschied „Freispruch“ und sofortige Entlassung des Beklagten, der damit die Möglichkeit bekomme, sein vorbildliches bürgerliches Leben unbestraft fortzusetzen.

Gott gebe, dass eine solche Situation nicht entsteht. Dass sie in der Vergangenheit schon häufiger zur Beurteilung durch einen Richter angestanden hat, zeigt die Rechtsgeschichte. Sicher hat es in kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder Augenblicke gegeben, in denen Menschenleben eingesetzt worden sind, um anderen Menschen das Fortführen ihres Lebens möglich zu machen, steht außer Zweifel. Mir fallen einige vergleichbare Fälle ein.

Wie wir entschieden haben? Wir hielten ihn für „schuldig“.

Zum Abschluss noch eine Schirach – Aussage aus dem Begleitheft.

„Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis, werden nicht an Autobahnmaut, Steuererhöhung oder Pflegeversicherung entschieden – sondern sie entscheiden sich am Umgang mit dem Recht“. Die Ansicht eines Juristen.

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